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Neuer Trend bei internationalen Wohninvestments: Spree statt Themse

Ob Dauerthema Brexit oder die Kapriolen des US-Präsidenten Donald Trump: Die Sorgen internationaler Wohnungskäufer stehen ganz im Zeichen politischer Unsicherheiten. Entsprechend verschieben sich die Prioritäten: Statt in Städten zu kaufen, in denen das Renditepotenzial bereits ausgereizt ist, gewinnen sicherheitsorientierte Anlagen deutlich an Bedeutung. Daher verwundert auch nicht die Erkenntnis, dass Berlin begonnen hat, London den Rang als wichtigste europäische Hauptstadt für Wohninvestments abzulaufen. Denn anders als die „üblichen Verdächtigen“ unter den Top-Städten, wie London, Paris oder New York, vollzieht die Gründermetropole an der Spree eine Aufwärtsdynamik wie kaum eine andere Stadt in Europa. Zwar dürfte es noch ein bisschen dauern, bis Berlin den „britischen Patienten“ London eingeholt hat, das Potenzial dazu scheint jedoch allemal vorhanden zu sein, wie der neueste Wealth Report von Knight Frank zeigt. Jedes Frühjahr informiert der Bericht über das Leben und Geldausgeben der Gutbetuchten oder „Ultra High Net Worth Individuals“ (UHNWI), wie es im Fachjargon heißt. Damit gemeint sind wohlhabende Anleger aus dem In- und Ausland mit einem Vermögen von mehr als 30 Millionen US-Dollar. 193.490 Menschen weltweit können sich mit diesem Titel schmücken, das sind 6.340 mehr als noch im Vorjahr. Das Kaufverhalten dieser finanzkräftigen Kundschaft gilt gemeinhin als Indikator für Trends, aber auch für Verschiebungen auf den globalen Top-Märkten für Wohneigentum.

Und tatsächlich: Rund drei Viertel (73 %) aller von Knight Frank Befragten gab an, die aktuellen politischen Verwerfungen stellten für sie das größte Vermögensrisiko dar. 67 Prozent fürchten sogar einen Wertverfall ihrer Vermögensanlagen. Entsprechend verschieben sich die Prioritäten für Wohninvestments und damit verbunden die Rangliste der begehrtesten Städte.  Es reicht ein kurzer Blick auf den diesjährigen Prime International Residential Index (PIRI), mit dem sich die Wertveränderungen von Premium-Wohnimmobilien in den 100 wichtigsten Städten nachverfolgen lassen. Dort rangiert London erstmals auf den hinteren Rängen, den 92., um genau zu sein. Um rund 6,3 Prozent sind die Preise an der Themse im vergangenen Jahr eingebrochen. Im Vorjahr kam London noch auf Platz 54, die Preise stiegen um 1 Prozent – das ist nichts Ungewöhnliches für einen gesättigten Markt wie dem Londoner. Dass sich nun eine Bruchlandung andeutet, ist neben dem bevorstehenden Austritt Großbritanniens aus der EU allerdings auch der Anhebung der Grundstückstransaktionssteuer („stamp duty“) für Zweitwohnungen um 3 Prozent geschuldet. Stattdessen verlagert sich der Fokus auf vergleichsweise sichere europäische Standorte, allen voran Amsterdam (+10,1 %; Platz 10) und eben Berlin (8,7 %; Platz 13), noch vor Frankfurt am Main und sogar München. Dass es für sie nicht zu noch besseren Plätzen gereicht hat, liegt an den drei chinesischen Zentren Shanghai, Peking und Guangzhou. Diese haben sich aufgrund deutlicher Preisübertreibungen und spekulativer Tendenzen (+27,4 %; + 26,8 %; +26,6 %) aggressiv auf die ersten drei Ränge geschoben, wodurch der Rest des Feldes nach hinten rücken musste. Leidtragende sind solide Wachstumsmärkte wie Berlin, dem ein Sprung in die Top-Ten damit für dieses Jahr (noch) verwehrt bleibt.

Grund für die Aufholjagd Berlins hinter London ist vor allem das große Nachholpotenzial, wie Knight Frank weiter schreibt: Hätte ein Käufer eine Million US-Dollar in der Hand, könnte er sich davon in London eine 30 Quadratmeter große Premium-Wohnfläche leisten. In Berlin hingegen sind es mit 87 Quadratmetern beinahe neunmal so viel Fläche. Grund genug für die Autoren des Berichts, Berlin erstmals in die Liste der besonders beobachteten Standorte aufzunehmen. „Berlin ist ein Vorbild in Sachen erfolgreicher Erneuerung“, heißt es da, während die Risiken dank hoher Markttransparenz und verantwortungsvoller Politik („good governance“) überschaubar sind. Die Wirtschaft Berlins werde von Start-ups getrieben und verzeichne gegenwärtig rund 40.000 Firmengründungen pro Jahr. Gleichzeitig seien die Lebensunterhaltskosten in Berlin rund ein Drittel niedriger als in London. Mehr als die Hälfte der 174.000 Menschen, die seit 2014 nach Berlin gezogen seien, käme aus dem Ausland.  Für die Wohlhabenden aus aller Welt ist das ein besonderer Pluspunkt – von London bis nach Berlin ist es ohnehin nicht mehr weit.