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Kunstvoll leben

Die internationale Kunstwelt schaut auf Berlin, denn immer mehr Künstler leben und arbeiten hier. Das verändert die Stadt: Neue Galerienviertel entstehen oft dort, wo es früher niemand vermutet hätte. Kaum eine andere Stadt auf der Welt hat so eine lebendige Kunstszene wie Berlin. Der Kulturwirtschaftsbericht von 2008 schätzte bereits, dass etwa 20.000 Bildende Künstler in Berlin leben. Inzwischen dürften es noch mehr sein. Viele von ihnen werden von den rund 400 Galerien in der Stadt vertreten. Damit hat Berlin die höchste Galeriendichte Europas.

KUNST IM UMFELD VON MUSEEN

Oft lassen sich Galerien an Orten nieder, an denen bereits Kunst gezeigt wird. So hat sich die Gegend um die Berlinische Galerie in der Alten Jacobstraße und das Jüdische Museum in der Lindenstraße zu einem Kunstquartier entwickelt. Das Galerienhaus in der Lindenstraße 34/35 war früher das Kaufhaus Merkur, beherbergte danach die Lufthansa und in den 1990er Jahren Asylbewerber. Heute zeigen in dem Altbau mit der imposanten Wendeltreppe 14 Galerien Design, Videoinstallationen, Skulpturen und Malerei. Besonders beeindruckend sind die Räume der Galerie Jarla Partilager, die sich über die gesamte dritte Etage ziehen. Hier ist viel Platz für die Ausstellungen vor allem junger, noch unbekannter Künstler.

WACHGEKÜSSTE BRACHEN

Auch die Nebenstraßen wurden bereits vom Kunstvirus infiziert. Ein an sich hässlicher Neubau zwischen Markgrafen- und Charlottenstraße hat in seinen weitläufigen Räumen zwischen türkischen Hochzeitsbekleidungsgeschäften und Supermärkten mehrere Galerien und Kunstagenturen ein Zuhause gegeben, darunter der Galerie Carlier/Gebauer. Sie zog von den S-Bahnbögen an der Holzmarkstraße 2008 in die großzügigen Kreuzberger Räumlichkeiten und zeigen dort zeitgenössische Malerei und Fotografie. Weitere Galerien befinden sich am Checkpoint Charlie. Für Eva Kaczor, Gründerin des Kunst-Portals artberlin.de, ist die Gegend „ein Absurdum", denn noch vor wenigen Jahren befand sich dort nicht viel mehr als der Axel Springer Verlag und einige Bürogebäude. Heute sind die Bürgersteige abends voll, wenn neue Ausstellungen eröffnen, und auch immer mehr gute Restaurants ziehen in die Gegend wie das Restaurant Tim Raue.

WOHNEN, WO DIE KUNST LEBT

Dass die gesamte Gegend im Umbruch ist, macht sich auch durch neue Bauprojekte bemerkbar: Dort, wo Kreuzberg an Mitte grenzt, entstehen viele neue Bauprojekte wie das So wird in der Französischen Straße 56-60 und in unmittelbarer Nähe zur Friedrichstraße das elegante Palais Vernhagen gebaut. Star-Architekt David Chipperfield orientierte sich bei seinem Entwurf an den Salonwohnungen des frühen 20. Jahrhunderts. Er verantwortet auch die Inneneinrichtung und die Badarchitektur. Die Gestaltung des Foyers wurde durch die Schriftstellerin und Salonnière Rahel Varnhagen von Ense inspiriert. Von David Chipperfield stammt auch das Galerienhaus für das Berliner Kunstsammler-Ehepaar Céline und Heiner Bastian an der Museumsinsel, die mit weltberühmten Häusern wie dem Pergamonmuseum oder der Alten Nationalgalerie ebenfalls ein Magnet für Kunstinteressierte ist. Der skulpturale Bau ist heute ein Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst.

GALERIENVIERTEL IN MITTE

Mitte ist nach wie vor Berlins klassisches Galerienviertel. Rund um die Kunstwerke (KW - Institute of Contemporary Art) in der Auguststraße 69 kommen Kunstfreunde auf ihre Kosten, und zwar nicht nur während großer Kunstevents wie der Galery Weekend im Mai und der art week im September. Das ganze Jahr über finden dort Vernissagen und Kunstführungen statt. Eine Institution ist Gerd Harry Lybkes Galerie Eigen + Art, die seit 1992 aus Leipzig in der Spandauer Vorstadt zog und bis heute dort zu finden ist.
Ein anderer Kunst-Hotspot entwickelte sich am Hamburger Bahnhof. Der frühere Kopfbahnhof beheimatet heute neben wechselnden Ausstellungen eine Sammlung für zeitgenössische Kunst mit Werken von Joseph Beuys, Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder Anselm Kiefer. Das zog auch Galeristen an: Mit den Rieckhallen und der Halle am Wasser bildete sich am Schifffahrtskanal der KunstCampus.

POTSDAMER STRASSE ALS NEUER HOTSPOT

Doch einige Galeristen sind bereits weitergezogen. Die Potsdamer Straße nahe der Neuen Nationalgalerie ist seit einigen Jahren ein Anziehungspunkt für Kunstinteressierte. Art Agent Sophia Weiser sagt: „An der Potsdamer Straße passiert das Gleiche, das vor etwa zehn Jahren in Mitte passiert ist." Galerien schießen wie Pilze aus dem Boden. In den Nebenstraßen eröffnen in der einst tristen Gegend immer mehr Restaurants und Geschäfte. So befand sich die Galerie von Friedrich Loock früher in der Tucholskystraße, dann am Hamburger Bahnhof und ist nun an der „Potse" zu finden - gleich neben dem ehemaligen Verlagsgebäude des Tagesspiegels. Statt Druckermaschinen befinden sich dort in den hohen Räumen abstrakte Metallskulpturen der Londoner Galerie Blain Southern. Im vorderen Teil haben der Concept Store von Andreas Murkudis und die Hutmacherin Fiona Bennett ihre Geschäfte.

KUNST AUS NEUKÖLLN UND WEDDING

Doch Bezirke wie Neukölln oder Wedding werden bei der Kunst- und Kulturszene zunehmend beliebter. „Was die Künstler selbst betrifft, zieht es derzeit viele in Ateliers rund um den Leopoldplatz in Wedding und alles rund um die Luxemburger Straße. Ob sich dort eine neue Galerienszene entwickeln wird, steht aber aktuell noch in den Sternen", sagt Elke Melkus. Sie ist Geschäftsführerin der Agentur art:berlin, die sowohl Kunst-Führungen als auch kulinarische Touren durch verschiedene Berliner Bezirke anbietet. „Generell hat sich die Annahme, dass Neukölln zum neuen Kunstviertel aufkeimt, nicht ganz bestätigt. „Sicherlich gibt es dort eine lebendige Off-Szene, aber die ‚Player' lassen sich weiterhin sehr gerne am Hotspot Potsdamer Straße nieder." Eine öffentliche Tour von art:berlin führt durch den neuen Kunst-Kiez. Elke Melkus beobachtet, wie sich Stadtteile durch den Zuzug von Künstlern verändern. „Persönlich denke ich, dass die Stadtteile immer davon profitieren, wenn sich Galerien ansiedeln", sagt sie. Allerdings würde sie sich eine bessere Mischung von etablierten Galerien und Off-Szene wünschen.

Insider vergleichen den aktuellen Kunstboom mit den zwanziger Jahren, wo sich bereits viele Künstler wie Max Beckmann oder Käthe Kollwitz in Berlin ansiedelten und die Stadt genau wie heute Dreh- und Angelpunkt der Kunstwelt war. Ein Ende dieses Trends ist momentan nicht in Sicht.

The art of living

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