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Kommt nach dem Brexit der Run auf Berlin?

Dass Briten zuweilen einen eigenwilligen Humor haben, wissen wir nicht erst seit Monty Python und Pork Pie. Womit die Briten die Welt am 23. Juni überraschten, dürfte jedoch den meisten Europäern das Lachen gründlich verdorben haben. In einem historischen Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU gaben rund 52 Prozent der Wahlberechtigten ein deutliches „No“ ab. Gewinner könnte der deutsche Wohnimmobilienmarkt sein.

Auf den ‚Brexit‘ folgt der ‚Brexodus‘

Schon jetzt ist klar, dass sich die wachsende Unsicherheit stark auf die britischen Immobilienmärkte auswirken könnte. Das belegen Zahlen der Bank of England, die im April dieses Jahres so wenige neu abgeschlossene Hauskredite wie seit elf Monaten nicht mehr verzeichnet hat. Auf Twitter macht daher bereits das Wort vom „Brexodus“ die Runde: Industriebranchen, Forschung und Kulturbetriebe Großbritanniens könnten nach dem Brexit leiden. Weil zudem viele Banken ihren „Passport“ verlören, mit dem sie Geschäfte in den Mitgliedsstaaten der EU betreiben dürfen, könnten Londons Banken bis zu 100.000 Arbeitsplätze und damit eine enorme Kaufkraft von der Themse in andere europäische Metropolen verlagern. Die Immobilienpreise im Großraum London, in dem sich immerhin 13,6 Millionen Menschen konzentrieren, gingen nach unten. Schatzkanzler George Osborne prognostiziert, dass die Hauspreise im gesamten Vereinigten Königreich sogar zwischen zehn und 18 Prozent nachgeben könnten. Schon vor der Brexit-Wahl hatten daher viele Investoren ihre Kaufentscheidungen aufgeschoben.

Am schlimmsten könnte es jedoch der Londoner City ergehen. Dort könnte der Abschwung auf dem Immobilienmarkt die seit vielen Jahren schlummernde Blase zum Platzen bringen. Das Preisniveau für Wohnungen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weniger an der Nachfrage und den Einkommensverhältnissen der Bewohner als an der Nachfrage von Spekulanten orientiert, die bereit waren, absurd viel Geld auf den Tisch zu legen. Die Nachfrage nach Wohnraum wurde dadurch künstlich gesteigert, obwohl bereits genügend Angebot vorhanden ist. Die Quadratmeterpreise für Eigentumswohnungen waren mindestens fünfstellig, manche überstiegen regelmäßig die 20.000-Pfund-Marke. Die gekauften Apartments lassen die Spekulanten indessen leer stehen. In der Folge sind in einigen Nobelvierteln ganze Geisterstraßen entstanden. 

Berlin wird langfristig zum Ausweichmarkt für London

Internationalen Anlegern ist das nicht verborgen geblieben. Käufer, die bislang in London investiert haben, dürften sich daher nun verstärkt nach Alternativen auf dem EU-Festland, allen voran in den Metropolen wie Paris, Frankfurt oder Berlin, umsehen. Vor allem Deutschland, das sich einen Ruf als „sicherer Hafen“ Europas gemacht hat, könnte im Fokus stehen. Der Aufwärtstrend am deutschen Wohnimmobilienmarkt würde sich damit weiter beschleunigen. Schon jetzt investieren nicht nur sehr Vermögende, sondern vermehrt auch der internationale Mittelstand aus Asien, dem Nahen Osten und den USA in Deutschland. Bereits in den 18 Monaten vor dem Brexit-Referendum war in Berlin eine deutlich gestiegene Nachfrage ausländischer Käufer an Berliner Eigentumswohnungen zu spüren.

Droht Berlin nun eine ähnliche Immobilienblase wie bereits in London? Fest steht, dass die Berliner Mieten und Kaufpreise in den vergangenen drei bis vier Jahren enorme Sprünge gemacht haben, gerade in der deutschen Hauptstadt, wo sie insgesamt um circa 30 bis 40 Prozent gestiegen sind. Richtig ist aber auch, dass der Berliner Wohnimmobilienmarkt – anders als London, Paris oder Frankfurt – weiterhin unterbewertet ist. Schlimmstenfalls könnte dem Berliner Markt dasselbe passieren, was bereits nach dem heftigen Finanzkrise zwischen 2008 geschah: nichts. Anders als in Irland oder Spanien blieben die Kaufpreise stabil, einen drastischen Einbruch gab es nicht.