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Der Ku'damm - Boulevard mit Geschichte

Wer in der Weihnachtszeit über den Kurfürstendamm flaniert, der wird geblendet von leuchtenden Rentieren und geschmückten Weihnachtsbäumen. Die ganze Allee hat sich in ein Festtagsgewand geworfen und blinkt und funkelt, während sich Menschen auf den breiten Bürgersteigen tummeln. 
Rund 7500 Passanten flanieren nach neusten Erhebungen pro Stunde über den Kudamm und die angrenzenden Tauentzienstraße. Damit liegen sie auf Platz zwölf und 13 der meist frequentierten Einkaufsstraßen Deutschlands. Es könnten noch mehr Besucher werden, denn in den nächsten fünf Jahren sollen in neuen Malls und Geschäften mehr als 100.000 Quadratmeter neue Verkaufsfläche entstehen, anderthalb Mal so viel wie in der Friedrichstraße, berichtet die „BZ" - und handelt Berlins Prachtboulevard bereits als neue 5th Avenue. Der frische Glanz schlägt sich auch in den Mieten wieder: Sie liegen inzwischen in den Spitzenlagen mit 170 Euro der Quadratmeter über denen an der Friedrichstraße.

KONKURRENZ AUS DEM OSTEN

Das war nicht immer so: Nach der Wende bröckelte der Glanz des Ku'damms. Internationale Ketten eröffneten ihre Filialen lieber an der Friedrichstraße oder rund um den lebendigen Hackeschen Markt als im gesetzten Westen. Hinzu kam ab 1997 das große Kinosterben. Traditionshäuser wie der Gloriapalast, die Filmbühne Wien, das Marmorhaus und 2004 auch der Royalpalast mussten schließen, sodass der Boulevard nach Ladenschluss zunehmend verwaisete. Selbst die Filmfestspiele Berlinale zogen an den Potsdamer Platz. Spätestens rund um den 125. Geburtstag des Ku'damms im Jahr 2011 war der viel beschworene Aufschwung tatsächlich zu spüren. Das neu eröffnete Kino Zoopalast, die angrenzende Design-Shoppingmall im Bikini-Haus, aber auch Hotels wie Berlins erstes 25Hours Hotel und das schicke Waldorf Astoria am Bahnhof Zoo geben neuen Glanz.

VOM REITPFAD ZUM PRACHTBOULEVARD

Dabei begann die Geschichte des Kudamms im 16. Jahrhundert als staubiger Reitweg. Auf diesem „Knüppeldamm" wollte Kurfürst Joachim II schneller von seinem Stadtpalast zum Jagdschloss im Grunewald und zurück gelangen. Im 19. Jahrhundert unterzog ihn Otto von Bismarck nach dem Vorbild der Champs-Élysées einer Verschönerungskur und machte den Ku'damm zu einer herrschaftlichen Flaniermeile, auch wenn sie insgesamt nur halb so breit ist wie das Pariser Original. Als Geburtstag des Ku'damms gilt daher der Tag, an dem die erste Dampfstraßenbahn über den Boulevard tuckerte. Das war im Jahr 1886. Danach entwickelte sich die Gegend rasant: 1891 wurde der Grundstein für die Gedächtniskirche gelegt. Zwei Jahre später eröffnete das erste Kaffeehauses am Ku'damm, und zwar an der gleichen Stelle, an der sich heute das Café Kranzler befindet. Der Künstlertreff bekommt vom Volksmund den Titel „Café Größenwahn" verliehen. Seine Position löst etwa 20 Jahre später das „Romanische Café" ab. Es befindet sich dort, wo jetzt das Europacenter steht. Erich Kästner, Berthold Brecht, Otto Dix und Max Liebermann gingen hier ein und aus.

KÜNSTLERTREFF UND MILLIONÄRSNACHBARSCHAFT

Für wohlhabende Berliner wurde der Kurfürstendamm zur ersten Adresse. In den großen, prunkvollen Wohnungen lebten 1913 120 Millionäre. Sie schätzten die illustre Nachbarschaft mit ihren Theatern und Kaufhäuser. Die Komödie am Kurfürstendamm, das Nelson Theater, in dem Josephine Baker 1926 ihren legendären Bananentanz aufführte, und später das Hotel Kempinski waren Treffpunkte der finanzstarken Elite, die gerne im Kaufhaus des Westens einkaufte. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Kurfürstendamm schwer zerstört. Etwa 80 Prozent der Häuser waren nach Kriegsende kaputt oder unbewohnbar. Bis heute ragt der zerstörte Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als Mahnmal in den Himmel. Anfang der 50er-Jahre kehrt das Leben an den Ku'damm zurück. Nacheinander eröffnen KaDeWe, Maison de France, Café Kranzler und das Hotel Kempinski wieder ihre Pforten. In den folgenden Jahren wird am Ku'damm weiterhin Geschichte geschrieben: Studentendemos, Love-Parade und Trabbi-Korso stehen für historische Veränderungen in der Stadt. Das wird auch so bleiben: Berlins Aufschwung zur Touristenmetropole und zur attraktiven Großstadt spiegelt sich momentan am Ku'damm wieder, sodass die Prachtstraße an den Ruhm von damals anknüpfen kann. Wer sich vor Ort ein Bild von der Geschichte Berlins machen möchte, kann am Kurfürstendamm 207-208 „The Story of Berlin" besuchen. Dort gibt es neben verschiedenen Themenräumen einen originalen Luftschutzbunker zu sehen.

 

Bilder und Bildrechte:

Titel: Ku'damm (Foto: © visitBerlin, Foto: Sergej Horowitz)

01 Weihnachtsstimmung am Kurfürstendamm (Foto: © visitBerlin, Foto: Sergej Horowitz)
02 Die City West von oben (Foto: © visitBerlin, Foto: Wolfgang Scholvien)
03 Shopping am Ku'damm (Foto: © visitBerlin, Foto: Philip Koschel)
04 Gedächniskirche am Ku'damm (Foto: © visitBerlin, Foto: Wolfgang Scholvien)